Zwei Qualitäten vereinen |
| Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS): Betroffene im Unternehmen |
| ADS, früher POS (psychoorganisches Syndrom) genannt, betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche. Anders als früher angenommen verlieren sich die Symptome meist nicht mit der Pubertät und Adoleszenz. Sie bestehen ein Leben lang weiter - mit besonderen Herausforderungen und Chancen für die Beteiligten. |
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"Du solltest diese Arbeit nicht mehr machen, das gibt nur Chaos!" sagt die Mitarbeiterin. Die Chefin stellt anhaltende Terminüber-schreitungen, Flüchtigkeitsfehler und Nichterreichen vereinbarter Ziele fest. Für die entscheidende Sitzung des Aufsichtsgremiums wurde eine nicht mehr aktuelle Version der Entscheidungsgrundlage versandt; die an der Sitzung nachgereichte Fassung ist auch nicht aktuell. Typische Situationen aus dem Arbeitsalltag von Mitarbeitenden, die ADS-Träger sind. |
| Grosse Gruppe Betroffener Solche Probleme verweisen auf verschiedene, gleichzeitig auftretende Merkmale, die unter dem Begriff Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom zusammengefasst werden. Dem ADS liegt eine Stoffwechselvariante im Bereich der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin zugrunde. Diese wirkt sich u. a. auf die Steuerungs- und Koordinationsaufgaben sowie die Informationsverarbeitung im Frontalhirn aus, nicht aber auf die intellektuellen Funktionen. Diese neurobiologische Veranlagung ist vererbt und tritt in betroffenen Familien gehäuft auf, bei beiden Geschlechtern gleichermassen; rund 7 % der Jugendlichen sind ADS-Träger. Neuere Studien haben gezeigt, dass die Symptome bei 80 % der Betroffenen in unterschiedlicher Ausprägung das Berufsleben hindurch weiter bestehen. Das bedeutet, dass rund 5 % der Erwachsenen von ADS betroffen sind. In einem grösseren Betrieb ist dies für die Personalverantwortlichen und die Linienvorgesetzten relevant. |
| Jäger und Farmer Der amerikanische Autor Thom Hartmann(1) hat die These aufgestellt, die ADS-Variante leite sich genetisch von den steinzeitlichen Jägern und Sammlern her ab. Jäger sind rundum aufmerksam, nehmen alle Umweltimpulse ungefiltert auf, können ein neues Ziel sofort verfolgen, ihre Strategien schnell anpassen, fokussieren auf eine heisse Spur, wollen schnelle Ergebnisse sehen, stehen immer wieder auf, lieben neue, aufregende Aufgaben, sind impulsiv, charmant und risikobereit. Tatsächlich haben Untersuchungen des US-Anthro-pologen Dan Eisenberg ergeben, dass die ADS-Variante für Nomaden vorteilhaft ist(1). Die sesshaften Farmer verfügen dank ihrer Stoffwechselvariante über jene Verhaltensweisen, die unsere Arbeitswelt heute bestimmen: Konzentration, Stetigkeit, Genauigkeit, Selbstorganisation, Durchhaltevermögen, Langzeitstrategien, Timing, Sorgfalt und Impulskontrolle. Je nach sozio-ökonomischer Umwelt können die beiden Muster förderlich oder störend sein. Die Konflikte zwischen den beiden Gruppen sind programmiert. |
| Konfliktfelder In der Farmerwelt, in der wir leben, ecken ADS-TrägerInnen immer wieder an mit Flüchtigkeitsfehlern, Ablenkbarkeit, schlechtem Zeitgefühl, Planungsproblemen, Vergesslichkeit und psychomotorischer Unruhe. Wenn Rückmeldungen und Kritik nichts ändern, schliesst die Umgebung auf persönliches Ungenügen und Charakterfehler ("Wenn Sie sich nur anstrengen würden..."). ADS-Mitarbeitende haben aber keine Selbstwahrnehmung ihrer Defizite. Sie erledigen ihre Aufgaben nach bestem Wissen und Können und sind überzeugt, gute Arbeit zu liefern. Die negativen Rückmeldungen, abwertendes Verhalten oder negative Beurteilungen durch Vorgesetzte sind für sie zunächst unverständlich und zutiefst verstörend. Sie lösen gravierende emotionale Reaktionen aus: Wut, Depression, Rückzug aus der Gruppe. Es kann eine negative Dynamik entstehen, in der konfliktgehemmte Vorgesetzte oder Teammitglieder ADS-Mitarbeitende gnadenlos ausgrenzen. In diesem negativen Umfeld gehen die positiven Arbeitsergebnisse gerne vergessen: das Sensorium für kommende Entwicklungen, neu entwickelte erfolgreiche Produkte, Aufbau neuer Strukturen, Ausweitung der Geschäftstätigkeit, ein weit gespanntes Netzwerk, Intuition und Empathie. |
| Das Beste beider Welten Wenn 4 % der arbeitenden Bevölkerung betroffen sind, muss man darüber nachdenken, wie die Stärken und Schwächen von ADS-Mitarbeitenden in den Betrieb integriert werden können. Drei Schritte sind unerlässlich: Information: Am wichtigsten ist, dass die Personalverantwortlichen und die Vorgesetzten ADS kennen. Vorgesetzte sind besonders gefordert: Sie müssen konfliktfähig sein, die Defizite der Mitarbeitenden offen ansprechen, Lösungsmöglichkeiten entwickeln und Zeit für Veränderungen einräumen. |
| Diagnose und Therapie Berufstätige, die in ihrer Kindheit ein ADS bzw. POS diagnostiziert erhielten, sollten unbedingt im Erwachsenenalter überprüfen, ob die ADS-Symptome fortbestehen. Wenn es Hinweise dafür gibt, sollten sie sich durch den Hausarzt, die Hausärztin an das entsprechende Institut einer Universitätsklinik überweisen lassen. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass ADS diagnostiziert oder ausgeschlossen werden kann. Bei bestätigter Diagnose vermittelt die Universitätsklinik die Adresse spezialisierter Therapeutinnen und Therapeuten. Diese können beurteilen, ob eine Therapie angezeigt ist. Dies ist heute eine Kombination von Verhaltenscoaching und medikamentöser Unterstützung. |
| Kommunikation Bestätigt sich die ADS-Vermutung, sollte man Vorgesetzte und Teammitglieder sofort informieren. Dann kann man gemeinsam eine Lageanalyse erstellen und Lösungen erkunden. Oftmals erhält man von gut strukturierten Mitarbeitenden Unterstützung oder Aufgaben, für die ADS-TrägerInnen besonders geeignet sind. |
| Sich neu erfinden Die Trias von Diagnose, Therapie und Kommunikation bedeutet für ADS-Mitarbeitende eine radikale Veränderung. Was bisher in der eigenen Biographie und den Erfahrungen in der Arbeitswelt verstörend unverständlich war, erfährt eine sinnstiftende Klärung. Die Therapie öffnet Wege, die Arbeit effizienter zu organisieren, die Aufmerksamkeit zu verlängern und die Gesprächsmuster zu verbessern. Die Kommunikation nimmt den selbstquälerischen Druck weg und verhindert Mobbing. Sie eröffnet Möglichkeiten, die Stärken des Jägers in die geordnete Farmerwelt einzubringen. |
| (1) Zu ADS im Erwachsenenalter siehe u.a. die Darstellungen von Johanna und Klaus-Henning Krause (Universität München) und von Hans-Christoph Steinhausen (Universität Zürich). Hartmann, Thom. Eine andere Art, die Welt zu sehen. Lübeck, 2006. BMC Evolutionary Biology 2008, Nr. 8:173, 10.06.2008. |
Klaus Burri